
Sinnvolles Anbinde-Training für entspanntes Stehen am Putzplatz.
Zur Grundausbildung des Reitpferdes gehört es, dass es angebunden stehen kann. Was viele für selbstverständlich halten, ist für (Jung)Pferde aber durchaus eine Herausforderung. Denn wir schränken damit nicht nur den Bewegungsradius des Bewegungstiers Pferd ein, wir fixieren es und nehmen ihm so die Möglichkeit zur Flucht. Angebunden zu sein, kann im Pferd Platzangst auslösen.
Ein Pferd anzubinden, bedarf deswegen einer gründlichen Vorbereitung. Gerade Jungpferde einfach irgendwo festzuzurren, kann schnell in Verletzungen münden.
Hängt sich das Pferd im Halfter auf, weil es in Panik zurückzieht, kann es sich massiv im Genick verletzen. Kommt es dabei ruckartig frei, droht die Gefahr, sich zu überschlagen. Jeder kennt wahrscheinlich die eine oder andere Horrorstory, wo sich ein Pferd losgerissen hat, den morschen Anbindebalken mitgenommen und auf der Flucht hinter sich her geschleift hat – mit den entsprechenden Verletzungen.
Was das Jungpferd fürs Anbinden können muss
Besser also, dem Jungpferd von Anfang an beizubringen, angebunden stehen zu können und dabei auch zu entspannen. Dafür gibt es drei Voraussetzungen.
1. Die erste Voraussetzung, um ein Pferd anbinden zu können, ist, dass es auch frei stillstehen kann – und zwar länger als eine Minute. Das Pferd muss seinen Impuls, sich zu bewegen, selbst im Griff haben. Übe das am besten, wenn dein Pferd gearbeitet hat und ausgelastet ist, sich gern ausruhen würde und lasse es an einem definierten Ort stehen. Korrigiere es, wenn es sich ungefragt davon wegbewegt und stelle es an den Ausgangspunkt zurück.
2. Das Pferd muss auf Druck weichen können. Wenn es angebunden ist und in die Grenzen von Halfter und Strick läuft, spürt es Druck im Nacken. Daraufhin soll es nicht mit Panik und Rückziehen reagieren, sondern vielmehr einen Schritt nach vorn in Richtung Anbindering oder Anbindestange machen. Das Pferd hat dann zweierlei verstanden: Dass es selbst eine Lösung finden kann und nicht kämpfen muss und dass es auch angebunden seine Füße bewegen kann, wenn es das Bedürfnis verspürt und nicht vollkommen fixiert ist.
So bringst du deinem Pferd bei, auf Druck im Nacken zu weichen: Lege eine Hand in den Nacken hinter die Ohren, schließe langsam die Finger und drücke etwas nach unten. Gehe in Phasen und Schritt für Schritt vor. Sobald dein Pferd die richtige Tendenz zeigt und nach unten nachgibt, stellst du den Druck ab und streichelst es. Es muss nicht vollständig abtauchen, es reichen hier wenige Zentimeter. Wenn dein Pferd darauf nicht reagiert, unterstütze mit etwas Zug am Führstrick nach unten. Erhöhe den Druck im Nacken nicht weiter, um zu verhindern, dass dein Pferd den Kopf hochreißt.
Ist eine direkte Bewegung nach unten nicht möglich, weil dein Pferd sich im Genick und um Hals steif gemacht hat, dann löse das auf, indem du es zum Beispiel eine kleine Volte in Innenstellung gehen lässt oder indem du nach seitlicher Biegung des Halses fragst. Beginne dann erneut damit, das Kopf absenken zu fordern.
Hat dein Pferd das Prinzip des Nachgebens auf deine Hand hin verstanden, verlange das Nachgeben nur über den Führstrick am Halfter. Auf dieses Verständnis kommt es am Ende an. Wichtig ist außerdem, dass dein Pferd nicht einfach wieder mit dem Kopf nach oben schnellt, sobald der Druck verschwindet. Es soll nicht deine Hand loswerden wollen, sondern vielmehr eine tiefe Kopfposition auch für mehr als wenige Sekunden akzeptieren und dort sogar Entspannung finden.
3. Gelassenheit bei Außenreizen. Pferde hängen sich in der Regel im Halfter auf, weil sie sich vor etwas erschreckt haben, wegwollen und Halfter und Strick sie festhalten. Eine weitere Voraussetzung für das sichere Anbinden des Jungpferdes ist es deswegen, das Pferd mit verschiedenen Reizen bekannt zu machen und ihm zu erklären, dass zum Beispiel flatternde und knisternde Geräusche oder externe Energie nicht per se bedeuten, dass es sich bewegen und die Flucht ergreifen muss. Das erklärst du ihm abseits des Anbinders durch gezieltes Schrecktraining bzw. Desensibilisierung. Wenn dein Pferd mit einer raschelnden Plane keine Probleme hat, du den Schlag deiner Peitsche über es zischen lassen und es mit einer Plastiktüte berühren kannst, dann seid ihr auf einem guten Weg zum gelassenen, angebundenen Stehen.
Sicherer Anbindeplatz fürs Pferd
Mit diesen drei Schritten ist dein Pferd aufs Anbinden gut vorbereitet. Wichtig ist nun, dass du es an einem Ort anbindest, der sicher ist und keine Verletzungsgefahr birgt. Der splitternde Balken an morschen Pfosten ist keine gute Idee. Außerdem sollte der Boden rutschfest sein. Idealerweise ist der Anbindering recht hoch in der Wand verankert. Diese Position erschwert es dem Pferd, sich ins Seil zu stemmen. In Deutschland sind Anbinderinge allerdings meistens auf Brusthöhe des Pferdes angebracht.
Jungpferde anbinden trainieren
Jetzt kannst du damit beginnen, das Anbinden zu üben. Richtig, einfach anbinden und gut ist, funktioniert nicht.
Fädele dafür den Strick des Halfters durch den Anbindering oder wickele ihn um den Anbindebalken. Der klassische Führstrick ist hier zu kurz, du brauchst ein längeres Bodenarbeitsseil, um dem Pferd mehr Bewegungsspielraum zu geben.
Frage jetzt durch das Annehmen des Stricks, ob dein Pferd nach vorn kommen und dem Druck weichen kann. Tut es das, lobe es. Wiederhole das – frage auch hin und wieder mit etwas stärkerem Druck am Seil. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht besonders freundlich, hilft dem Pferd aber zu verstehen, dass es auch auf Druck, der stark und forsch ankommt, immer den Weg nach vorn statt zurück wählt. Die Schwierigkeit erhöhst du, indem du dein Pferd fragst nach vorn zu kommen und gleichzeitig zum Beispiel eine Flagge vor dir schwenkst oder mit einer Tüte raschelst. Du setzt damit einen Reiz, dem dein Pferd lieber ausweichen würde, und verlangst dennoch das Vorwärts, was das Verständnis des Pferdes vertieft.
Ein Tipp, der gern gegeben wird, wenn das Pferd nicht ins Vorwärts findet, ist mit der Gerte von hinten einzuwirken. Das kann dem Pferd in der Tat helfen. Mache dir aber klar, dass es am Ende nur auf das Verständnis ankommt, auf den Druck des Seils und des Halfters am Kopf zu weichen. Ihn muss das Pferd zuordnen können und wissen, wie es reagiert.
Jungpferde anbinden ohne zu knoten
Um das Verletzungsrisiko zu minimieren, solltest du dein Pferd beim ersten richtigen Anbinden nicht direkt festknoten. Nutze ein Halfter mit Sollbruchstellen und wickele den Strick um den Anbindebalken. Sollte das Pferd zurückziehen und in Panik geraten, läuft es nicht in unnachgiebigen Druck, sondern kann das Seil etwas verlängern. Die Wickelungen bestimmen, wie viel und wie stark es ziehen muss. Das nimmt vielen Pferden die Panik, weil sie sich etwas bewegen können. Gleichzeitig verhindert es das vermeintliche Erfolgserlebnis, freizukommen und sich mit Gegendruck dem Angebundensein zu entziehen. Wichtig ist außerdem, dass du dein angebundenes Pferd stets im Blick hast und es nicht alleine lässt. Steigere die angebundene Zeit Schritt für Schritt.
Noch ein paar Gedanken zum Anbinden von (Jung)Pferden
Es kann sinnvoll sein, das Pferd in seiner Box im gewohnten Umfeld anzubinden. Die Begrenzung der Boxenwände kann Rückziehversuche unterbinden. Außerdem hilft es, den Zeitpunkt für das Anbinden richtig zu wählen. Einem Pferd, das voller Energie und Bewegungsdrang ist, wird das Anbindetraining deutlich schwerer fallen als einem, das bereits ausgelastet ist und gern eine Ruhepause – auch am Anbinder – in Anspruch nimmt.